„Wo ist meine Generation?“
Radu Coica wünscht sich ein gerechtes Rumänien
Radu Coica, 33, ist Gründer des Informationsbüros Kultours und Kleinunternehmer in der Tourismusbranche. In den Neunzigern haben ihn Sendungen wie „Ruck Zuck” oder „Der Preis ist heiß” im deutschen Fernsehen so begeistert, dass er unbedingt Moderator werden wollte. Bis er entdeckte, dass er auch als Fremdenführer in Hermannstadt zum Entertainer werden kann.
„Was in Rumänien fehlt, ist eine große Mittelschicht. Hermannstadt ist schön, aber nur sieben Kilometer entfernt gibt es Viertel und Ortschaften, deren Infrastruktur jenseits jeder Europäischen Richtlinie liegt. Die Diskrepanz zwischen Reichen und Armen, Dörflern und Städtern ist unglaublich – ich glaube nicht, dass wir das in naher Zukunft aufholen können.
Rumänien ist ein Improvisationsland, das ist ein Erbe des Kommunismus. Damals musste man ständig improvisieren, jedes Kaugummipapier wurde aufbewahrt, um daraus noch etwas zu machen. Westliche Markenzigaretten waren schwer zu bekommen. Wenn jemand eine Kent-Packung hatte, steckte er sie in die Tasche seines besten Anzugs – diese Zigarettenpackung blieb zwei bis drei Jahre in der Jackett-Tasche und wurde nur auf Hochzeiten und zu besonderen Anlässen herausgeholt, damit man damit angeben konnte. Solche Erfahrungen haben uns geprägt.
Wir sind immer noch das Land, in dem man bei Behörden schneller vorankommt, wenn man eine Kleinigkeit mitbringt. Ich mache das nicht, weil ich so etwas nicht unterstützen will. Meistens funktioniert es noch gut, aber gerade die jungen Leute nervt es zusehends.
Ich vermisse meine Generation, die Menschen, die in den Siebzigern geboren wurden. Diese Leute fehlen insgesamt in der Gesellschaft, das spüre ich immer mehr. Die meisten sind nach der Revolution in den Neunzigern ausgewandert. Es ist frustrierend, denn die Älteren gehören zu einer Elite, die zwar intelligent ist, aber noch sozialistisch denkt. Und den Jüngeren fehlt es an Initiative, sie wollen keine Verantwortung übernehmen. Dabei hat man heute viele Chancen in Rumänien, wenn man eine Idee hat und etwas aufbauen möchte. Das, was ich hier geschafft habe, hätte ich im Westen niemals machen können.“
„Ich warte nicht, ich lebe“
Aida Cristea hätte gerne ihr eigenes Büro
Aida Cristea, 21, studiert im ersten Jahr der Dolmetscherausbildung an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt. Weil sie eine sehr gute Abiturnote hatte, ist sie für drei Jahre von den Studiengebühren befreit. Nachmittags hilft sie Kindern bei den Hausaufgaben, um sich das Studium zu finanzieren. Deswegen kann sie an der Uni nur Kurse vor 12 Uhr besuchen.
„Wir Rumänen müssen das reichste Volk der Welt sein, denn die Politiker sind korrupt; sie ziehen uns das Geld aus der Tasche, und trotzdem ist noch etwas da. Man könnte meinen, es gibt irgendwo im Parlament ein Loch, in dem das Geld verschwindet. Mir kommt es so vor, als sei die Korruption in den letzten Jahren noch schlimmer geworden.
Ich bin froh, dass mich meine Eltern in den deutschen Kindergarten geschickt haben. In der Schule hatte ich eine wunderbare Deutschlehrerin, die mein Vorbild wurde. Deswegen habe ich die pädagogisch ausgerichtete Oberstufe besucht – ich wollte Lehrerin werden. Seit der neunten Klasse habe ich einmal in der Woche vier Stunden unterrichtet. Es hat mir zwar Spaß gemacht, aber man verdient nicht so viel als Lehrerin; ungefähr 200 Euro. Davon kann ich hier nicht leben.
Elisabethstadt, wo ich herkomme, liegt 80 Kilometer nördlich von Hermannstadt. Dort sind die Löhne niedrig. Die meisten Männer sind LKW-Fahrer und die Frauen Verkäuferinnen. Viele arbeiten in nächstgelegenen größeren Städten Mediaș oder Schäßburg. Meine Eltern stecken mir jede Woche 20 Euro zu, damit ich über die Runden komme.
Wenn ich eine gute Gelegenheit bekommen würde, ins Ausland zu gehen – nicht nur als Putzfrau sondern für einen seriösen Job , dann würde ich nach Deutschland gehen. Aber ich warte nicht. Ich liebe das Leben in Hermannstadt. Ich würde hier gerne als Dolmetscherin arbeiten und ein eigenes Büro eröffnen.“
„Ich lasse mir nichts vorschreiben“
Rasvan Marcu wäre gerne wie Jay Leno
Razvan Marcu, 34, kommentiert seit 2004 täglich das politische Tagesgeschehen im rumänischen Fernsehen. Heute ist er ist Produzent seiner eigenen Nachmittags-Show „Raluca si Razvan“. Sie ist nach ihm und seiner Kollegin benannt. Vorbilder sind David Letterman oder Jay Leno.
„Mein Großvater hat einmal gesagt ‘Lieber ein großer Mann in einer kleinen Stadt, als ein kleiner Mann in einer großen.’“ Das passt zu mir.
Als Schüler habe ich bei einer Hermannstädter Tageszeitung angefangen. Damals war ich sehr jung und mein Gehalt lächerlich. Fünf Jahre lang habe ich fast nichts verdient. Aber ich habe es gemacht, weil ich es unbedingt wollte. Mein Beruf ist meine Leidenschaft. Mittlerweile habe ich mich mit einer Produktionsfirma selbstständig gemacht; ich bin nicht reich, aber mir geht es gut.
Ich bin nicht der Typ, der sich von anderen etwas vorschreiben lässt. Heute habe ich zum Beispiel einen Witz über den Präsidenten Traian Băsescu gerissen. Ich weiß nicht, ob ich diese Freiheit hätte, wenn ich noch fest für einen Sender arbeiten würde. Als ich festangestellt war, gab es öfter Beschwerden, weil ich immer sage, was ich denke. Irgendwann haben sie mich vor die Wahl gestellt, und ich habe mich entschieden zu gehen.
Fast meine ganze Familie lebt im Ausland. Meine Frau will auch unbedingt weg, überall hin, nur raus aus Rumänien. Sie hat einen guten Job, verdient sogar mehr als ich. Aber mir gefällt es hier in Hermannstadt. Ich würde alles vermissen. Allen voran die Presse und das Fernsehen. Nirgendwo sonst würde ich ähnlich gute Vorlagen für meine Show bekommen.
Viele junge Menschen glauben, dass das Leben woanders besser sei. Sie wollen sehr schnell sehr viel Geld machen. Wenn das nicht auf Anhieb klappt, gehen sie. Es gibt Rumänen in Deutschland oder Spanien, die dort als Niedriglöhner arbeiten, obwohl sie einen Hochschulabschluss haben. Weil sie im Ausland als Kellner oder Gärtner immer noch mehr verdienen als hier in ihrem eigentlichen Job. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass sie es auch hier in Rumänien schaffen könnten.
Gerade die jungen Leute sollten dafür einstehen, dass sich etwas ändert. Meiner Meinung nach gibt es heutzutage viel mehr Optionen als früher.“
„Man muss etwas wagen“
Laura Petric will ihr eigener Boss sein
Laura Petric, 26, ist Hairstylistin und Miteigentümerin des „Hair Studio Dante“ in Hermannstadt. Die grünen Haare sind seit sechs Jahren ihr Markenzeichen. „Du musst etwas machen, was dir Spaß macht, dann bist du gut“, ist ihr Motto.
„Viele meiner engsten Freunde sind in den letzten Jahren weggezogen; nach Deutschland, Frankreich, Australien. Auch mir wurde schon vorgeschlagen, nach Deutschland zu kommen. Aber ich will nicht weg aus Hermannstadt. Hier sind meine Freunde und meine Familie.
Wenn du gut bist, kannst du als Friseurin bis zu tausend Euro im Monat verdienen. Aber du musst mögen, was du machst. Dein Chef erwartet immer, dass du alles gibst. Für mich ist der schönste Moment meiner Arbeit, wenn ich meine Kunden mit einer neuen Frisur glücklich gemacht habe. Wer sich schön fühlt, hat auch ein besseres Selbstbewusstsein.
Dass ich Friseurin geworden bin, war eher Zufall. Ich habe zwei Jahre Englisch und Rumänisch auf Lehramt studiert. Ich liebe Englisch, aber ich bin kein Lehrertyp, und die Professoren sind während meiner Referate eingeschlafen. Das fand ich respektlos. Eines Tages habe ich in einem Friseur-Salon ein Schild gesehen: „Praktikantin gesucht“. Ich bin sieben Jahre geblieben.
Im letzten Jahr habe ich zusammen mit zwei Kolleginnen einen eigenen Salon aufgemacht. Wir haben lange gezögert. Jede Veränderung ist hart, aber man muss sie wagen. Am schlimmsten waren die Papiere. Bürokratie wird großgeschrieben in Rumänien. Es ist ein korruptes Land und wir wissen es alle. Wenn du eine Frage hast, erzählt dir jeder etwas anderes, selbst wenn du in zwei Büros nachfragst, die im gleichen Gebäude nebeneinander liegen.
Unser Laden läuft gut. Ich bin zufrieden, auch wenn ich oft am Wochenende arbeite und weniger verdiene als früher. Aber ich verdiene genug Geld, um damit arbeiten zu können, und niemand kann mir sagen, wie ich etwas machen soll.“
„Ich will es hier schaffen“
Radu Irimie möchte die ganze Welt sehen
Radu Irimie, 21, studiert im dritten Jahr Dolmetschen für Deutsch und Französisch an der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt. Er wohnt bei seinen Eltern und müsste nicht arbeiten gehen, um sich das Studium zu finanzieren; er tut es trotzdem.
„Ich habe das Gefühl, dass es in Rumänien gerade vorangeht. Wenn ich keine Entwicklung mehr sehen würde, würde ich gehen.
Natürlich ist hier nicht alles perfekt: Unser Präsident Traian Băsescu fördert die Korruption im Land. Ich hoffe, dass er nicht wiedergewählt wird. Ich hatte sogar ein politisches Online-Forum gegen Korruption gegründet. Es hieß Freie Demokratie. Jeder, der wusste, dass irgendwo Geld veruntreut wurde, sollte es im Forum posten. Leider hat es nur wenige interessiert. Und wer sich zu Wort gemeldet hat, glaubte nicht, dass es etwas bringen würde. Ich habe es nach einiger Zeit eingestellt.
Ich bin ein politischer Mensch, aber die Politikverdrossenheit in meiner Generation ist sehr hoch. Kaum einer glaubt daran, etwas an den politischen Gegebenheiten ändern zu können.
Uns geht es gut, auch wenn meine Eltern bescheiden leben. Meine Familie gehört zur Mittelschicht. Mein Vater arbeitet in einer Druckerei und verdient etwa 500 Euro im Monat, meine Mutter ist in Rente.
In Rumänien wird vieles selbst gemacht: Wenn die Fassade vom Haus gestrichen werden muss, holt man keinen Maler oder Lackierer. Do-it-yourself ist sehr verbreitet. In Deutschland ist es normal, dass man einmal im Jahr in den Urlaub fährt. Das kennt man hier nicht – man fährt höchstens mal für ein paar Tage aufs Land.
Doch die Ansprüche verändern sich in letzter Zeit. Während meine Eltern kaum einmal die Stadt verlassen, versuche ich so viel zu reisen wie möglich. Ich mag es, fremde Länder zu erkunden – aber ich kehre immer wieder nach Rumänien zurück.
Meine Generation ist sehr ehrgeizig. Letztendlich ist es hier doch wie überall: Wenn man wirklich gut in seinem Job ist, bekommt man auch gutes Geld. Ich will es hier in Rumänien schaffen.“