„Und sie tanzt mit einem, der sonst nie gewinnt“
Von Tiemo Rink
Gut gelaunt sitzt die zahnlose Seniorin in einer Siebenbürger Dorfkneipe und trinkt. Randvolle Gläser stehen auf dem Tisch, werden routiniert geleert, wieder gefüllt, wieder geleert. Die Frau hat einen Zug am Leib, der nach Übung aussieht. Die Gesetze der Gastfreundschaft gebieten, dem Fremden Schnaps anzubieten. Die Seniorin ist eine gute Gastgeberin. Und so trinkt und trinkt man, wohlwollend beobachtet von einer zufrieden lächelnden Greisin.
Forscher aus dem ostfranzösischen Grenoble haben vor kurzem herausgefunden, dass man sich je attraktiver und unwiderstehlicher findet, desto mehr man trinkt. Die alte Faustregel, dass der eigentlich mäßig attraktive Tischnachbar „schön gesoffen“ werden kann oder muss, gilt hier also gerade nicht.
Dass die Franzosen Recht haben, lässt sich auch in Siebenbürgen feststellen. Bereits nach wenigen Gläsern setzt ein seltsamer Effekt ein. Kussmünder fliegen, ein Stuhl rückt näher, graue Haare werden aus einer hohen Stirn gestrichen. Bevor es zum Äußersten kommt, verlässt man die Kneipe, schwankend und gerade noch rechtzeitig. Was passiert, wenn man den richtigen Zeitpunkt zum Aufbruch verpasst, lässt sich indes bei Peter Maffay erfahren.
Maffay, gebürtiger Rumäne und deshalb in Sachen Schnaps qua Geburt vom Fach, berichtete schon 1984 im Lied „Karneval der Nacht“ von einer folgenschweren Begegnung: „Sie steht an der Bar im Regenbogenlicht / Und die heißen Blicke registriert sie nicht. / Und sie tanzt mit einem, der sonst nie gewinnt. / Und sie stellt sich vor, wie er sie dann ohne Fragen nimmt.“



