Schnaps mit Pfarrer Sándor
Von Dennis Yücel
Als mich Pfarrer Varró Sándor einlud, mit ihm einen Schnaps zu trinken, muss es etwa 11.30 Uhr gewesen sein und ich hatte gerade einen der schlimmsten Vormittage meines Lebens hinter mir. Im angetrunkenen Zustand hatte ich mich am Abend zuvor breitschlagen lassen, an diesem Sonntag in aller Frühe den Gottesdienst der ungarisch-reformierten Kirche zu fotografieren. Dummerweise hatte mich das nicht davon abgehalten, weiter zu trinken, und so hatte ich – wie man gemeinhin sagt – einen ziemlich krassen Helm auf, als ich am nächsten Morgen in der Kirche stand.
Natürlich kam ich zu spät und platzte mitten während des Gottesdienstes in den engen Pfarrsaal. Während ich noch nicht mal das Weckerklingeln verkraftet hatte, fand ich mich plötzlich einer Phalanx aus versteinerten Altweiber-Gesichtern gegenüber, die mich scheinbar aus purem Böswillen mit ihren Blicken in die Hölle wünschten. Ich, von Natur aus ein schüchterner Mensch, stand verloren im Mittelgang, klammerte mich an meiner Kamera fest und versuchte, freundlich in die Runde zu lächeln, begleitet von der Angst, man könnte jetzt auch noch meine Fahne riechen. Keine Reaktion. Also einfach ein paar Fotos machen und nichts wie raus hier!
Gestaltete sich aber schwierig: Schlechtes Licht, ständig alles verwackelt. Also stolperte ich auf weichen Knien durch die Reihen und schmetterte verschämt das Tschickadüüüt meiner Kamera in die Andacht. Dann, als der Gottesdienst vorbei war, plötzlich: Freudestrahlende Gesichter. „Wie schön, dass junge Menschen wie Sie zu uns in die Kirche kommen!“ – „Bleiben sie doch ein bisschen! Der Pfarrer feiert heute seinen Namenstag!“ Verkehrte Welt. Der Missmut des Gottesdienstes war komplett verflogen. Man liebte mich als seinen Nächsten. „Was trinken Sie? Was Süßes oder was Scharfes?“ – Ich nahm das Scharfe. Es schmeckte zwar wie Benzin, aber tat entsetzlich gut.



