Mein trotziger Abschiedsschnaps

Foto: Nancy Waldmann

Von Nancy Waldmann

Ohne Schnapsmoment kann Siebenbürgen gar nicht wirklich werden. Der unausweichliche Schnapsmoment war fester Bestandteil unserer Magazinplanung. Bei meiner ersten Rumänienreise vor elf Jahren musste ich ihn ständig erleben, vor dem Essen, während dem Essens, nach dem Essen – ich war sicher, er würde auch diesmal kommen.

Er blieb aus. Was war los? Waren die Rumänen zahm geworden, wollten sie ihre Gäste nicht mehr herausfordern? Bei Herrn S. in Reichesdorf bekam ich lediglich einen süßen Wein serviert. Seinen Schnaps musste ich kaufen, in Cola- und Fantaflaschen füllte ihn seine Frau ab. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, zwei Tage lagen noch vor uns. Nichts passierte in Sachen Schnaps. Resigniert trottete ich am Abend vor der Abreise zur Kneipe in Reichesdorf, auf dem Tresen waren zehn verschiedene Flaschen mit Hochprozentigem aufgebaut, ich zeigte auf die Flasche neben „Stalinskaya“ (dem angeblichen Schnaps-Marktführer in Rumänien, der Name stieß mich ab). Die Kneipe war voll, Männer saßen an den Tischen. Im Stehen und vor den gaffenden Augen aller stürzte ich trotzig den Becher herunter. Das Zeug schmeckte wässrig, wie gestreckt.

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