„Die Leute haben das Chorgestühl verheizt“
Die Kirchenburgen Siebenbürgens sind ein europaweit einmaliges, aber auch schwieriges kulturelles Erbe. Nachdem die sächsischen Burgherren ausgezogen sind, stellt sich die Frage, was aus den Baudenkmälern wird. Ein Interview mit Philipp Harfmann von der Leitstelle Kirchenburgen in Hermannstadt.
Das Interview führte Nancy Waldmann
Kirchenburg in Jakobsdorf (Foto: Nancy Waldmann)
Was macht man im Mittelalter als Siebenbürger Sachse, wenn einen ständig Türkenbanden von jenseits der Berge überrennen? Man türmt vom Acker in seine Kirchenburg und wartet bis die Angreifer vorbei sind. Wenn das nicht hilft, verzieht man sich hoch in den Kirchturm und kippt glühendes Pech und Wasser auf die Feinde hinunter.
Das Prinzip Kirchenburg war einfach: Man nahm die eigene Dorfkirche, die schon damals aus Stein gebaut und damit das stabilste Gebäude im Ort war, und baute zwei Ringmauern um sie herum. In die Festung hinein errichtete man Speck- und Fruchtkammern, wo man Ernte und Schweinehälften sicher vor Plünderern verwahren konnte. Nirgendwo hat dieses Prinzip so lange überdauert wie in Siebenbürgen, nirgendwo ist die schlichte Kombination von Gotteshaus und Wehranlage so unverändert erhalten wie am Fuße der Karpaten.
Nun sind die Siebenbürger Sachsen bis auf wenige fort, 150 Kirchenburgen sind noch da. Ein großes und schwieriges Erbe für die Evangelische Kirche in Rumänien, das Diebe und Vandalen ebenso anzieht wie Retter und Wohltäter. Wie kann man Kirchenburgen erhalten, wie kann man sie künftig nutzen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Philipp Harfmann von der Leitstelle Kirchenburgen in Hermannstadt.
Herr Harfmann, viele Kirchenburgen verwaisen, weil die Gemeinden schrumpfen oder aussterben. Was tut die Leitstelle für die Kirchenburgen?
Philipp Harfmann (Foto: Nancy Waldmann)
Wir sind eine Art Feuerwehr. Es geht darum, kleinere Reparaturen zu machen oder die Gebäude zu erhalten wie sie sind. Wir wollen ein Zeitfenster öffnen, denn man kann nicht von heute auf morgen entscheiden, ob diese oder jene Kirchenburg aufgegeben wird oder wie sie künftig genutzt wird. Das braucht viel Zeit und muss innerhalb der Gemeinden und der Landeskirche diskutiert werden. Momentan läuft ein großes EU-Projekt, durch das 18 Kirchenburgen für insgesamt 5,5 Millionen Euro wieder instandgesetzt werden. Die Leitstelle entscheidet nicht, sondern berät die Gemeinden. Und wir sind Ansprechpartner für Interessenten von außen.
Sind Vandalismus und Diebstahl ein Problem?
In den neunziger Jahren waren es vor allem professionelle Kunstdiebe. In den letzten zehn Jahren wurden einzelne Kirchenburgen zum Abenteuerspielplatz für Jugendliche. Da schmeißt man dann Scheibe um Scheibe ein, und die Kirche verwahrlost. Es gibt auch Beispiele, wo Leute das Chorgestühl oder Kirchenbänke verheizt haben. Ich finde das schlimm, aber in gewisser Weise verständlich. Wenn eine Kirche zehn Jahre offensteht, dann sagt man sich: das ist doch eine Ruine, warum soll ich das Holz nicht rausnehmen. Wenn es da keinen Sachsen mehr gibt, wenn die Glocken nicht mehr läuten oder die Kirchturmuhr nicht mehr geht, dann ist die Kirche quasi zum Abschuss freigegeben.
Wie reagiert die Leitstelle in solchen Fällen?
Wir kommen eigentlich nicht so schnell hinterher. Teils vergittern wir Eingänge und Fenster oder im äußersten Fall mauern wir sie zu, um sie zu schützen. Eine andere Möglichkeit ist, die Kirchenburg von sogenannten Burghütern bewachen zu lassen. Die wohnen an der Kirche, haben den Schlüssel und werfen ein Auge auf das Gebäude.
Wer sind die Burghüter, wenn es keine Sachsen mehr im Ort gibt?
Das sind Rumänen oder auch Zigeuner. Fast immer ist es jemand aus dem Dorf, der sich engagieren möchte. Als Gegenleistung bekommen sie oft eine Wohngelegenheit in einem Nebengebäude umsonst, zum Beispiel im Pfarrhaus oder einem Burghüterhäuschen. In Busd (rum: Buzd) zum Beispiel wohnt eine Zigeunerfamilie direkt an der Kirche, die nutzen auch die Freiflächen im Burghof, halten dort Schweine und hängen ihre Wäsche auf. Die Burg macht das zwar nicht so attraktiv, aber das sind gute und unverzichtbare Burghüter. In etwa zehn Kirchenburgen leben momentan Menschen.
Wie werden Kirchenburgen alternativ genutzt?
Touristisch passiert in den letzten Jahren sehr viel. Dahinter stehen zum Teil Initiativen wie die englische Stiftung Adept oder der Mihai-Eminescu-Trust unter Schirmherrschaft von Prinz Charles. Sie versuchen Tourismus kleinwirtschaftlich in den Dörfern zu verankern, mit Fremdenführungen, der Einrichtung von Gästezimmern und dem Verkauf regionaler Produkte. Sie brauchen die Kirchenburgen als Besuchermagnet. Es gibt auch Versuche, die Kirchenburg zu einem kulturellen Zentrum für die Dorfbevölkerung zu machen, wie bei Sebastian Bethge in Trappold (rum: Apold). In Nordsiebenbürgen, wo vieles schon lange leersteht, wurden Kirchen abgegeben an andere Konfessionen. Aber hier im Süden gibt es dafür kaum Bedarf. Die orthodoxe Kirche baut lieber selbst.
Kann ich als Privatperson eine Kirchenburg kaufen?
Nein, verkauft werden nur Nebengebäude, also Schule, Pfarrhaus. Die lassen sich aber auch besser nutzen. Wir verfolgen die Philosophie, dass man nicht verkauft, sondern verpachtet oder vermietet. Wir wollen langfristig Partner finden, die auch Interesse am Erhalt der Kirchenburg haben. Und wir wollen die religiöse Nutzung nicht aufgeben. Ein Beispiel ist Schönberg (rum: Dealu Frumos), dort hat die Universität aus Bukarest die Anlagen der Kirchenburg gemietet und ein Ausbildungszentrum eingerichtet. Das ist ideal, denn das sind Fachleute, die etwas an der Kirchenburg machen. Und es können auch weiterhin Gottesdienste in der Kirche gehalten werden. Wenn eine Hippikommune ein Pfarrhaus mieten würde, dann könnten Konflikte entstehen zwischen einer existierenden Gemeinde mit gelegentlichen Gottesdiensten und den Nutzern solcher Nebengebäude.


